Vergeben, vergessen, wieder vertrauen? Verzeihen ist ein großes Wort. Über die hohe Kunst der Vergebung

Sie ist 14, als die Mutter geht. Der Kontakt reißt völlig ab, und für die junge Svenja bricht eine Welt zusammen. Kann man das verzeihen? „Vergeben, vergessen und wieder vertrauen … “ Helene Fischer eröffnet im Schlagertext gekonnt die Illusion, dass es möglich ist, sogar wenn Partner sich betrügen oder verlassen … Was aber, wenn Eltern ihre Kinder im Stich lassen? Kann man das verzeihen? Und mit welchem Ziel? Absolution für den „Täter“? Befreiung für das „Opfer“? Kann Verzeihen wirklich heilen, zu echter Versöhnung führen? Gerade zum Fest der Liebe denken wir viel darüber nach, alte Konflikte melden sich womöglich, Wunden reißen auf … Svenja Flaßpöhler sucht in ihrem Buch „Verzeihen“ nach Antworten, wir tun es mit ihr.

Wie befreiend ist Vergebung wirklich? Dazu Svenja: „Ich habe meine Mutter nie offensiv zur Rede gestellt, sie nie offen gehasst. Dennoch gab es (…) den tiefen Wunsch, dass sie irgendwann bestraft wird“. Viele Jahre später, die Autorin ist selbst längst Mama, will die Halbschwester wissen, warum sie denn die Mutter überhaupt noch treffen will und es auch tut. Svenja antwortet: „Weil sie irgendwann sterben wird. Weil sie unsere Mutter ist.“ Sie hat vergeben, aber keine Erwartungen mehr. Weder auf eine Erklärung noch eine Entschuldigung. Kann man wirklich behaupten „Ich habe verziehen, ein für allemal“. Heilt die Zeit wirklich alle Wunden? „Bin ich wirklich so standfest, dass ich auch dann noch weiter verzeihen würde, wenn meine Mutter sich abermals entzöge? Plötzlich weg wäre, sich nicht mehr interessieren würde für ihre Enkelkinder?“ Wir erkennen, dass Verzeihen keine Entscheidung ist, sondern ein Prozess. Der Satz „Ich verzeihe dir“ hat eine ähnliche Gültigkeit wie der Satz „Ich liebe dich“. Kein Mensch würde ihn überzeugt aussprechen, wenn er in diesem Moment schon wüsste, dass er in drei Wochen anders denken bzw. fühlen könnte. Im Moment aber ist er ehrlich, aus Zuneigung heraus gesprochen und zutiefst menschlich.

Flasspoehler_SVerzeihen_164881_300dpi Flasspoehler_Svenja_300dpi_23828Müssen wir lieben, um zu verzeihen? Woher aber kommt der Impuls überhaupt, einen Menschen von Schuld zu entbinden? Weil wir nicht im Zwiespalt leben wollen. Im Hass, in der Verzweiflung! Untreue, Verrat, fehlende Loyalität: Solange wir als Liebende überzeugt sind, dass ein Mensch im Kern gut ist, wird jedes Vergehen verzeihbar. Wir vergeben der Person, nicht das Unrecht. Gerne wird etwa das Fremdgehen als „allzu menschliche Verfehlung“ gesehen, Schwamm drüber. Bloß, so leicht ist es nie. Ein solches Verzeihen kann schlichtweg naiv sein, denn leider bleibt im Vergebungsprozess die Liebe oft auf der Strecke, sie hält diese Belastung nicht durch! Unter dem Zeichen der Vergebung wurde dem „Schuldigen“ zwar die Möglichkeit zugestanden, besser zu werden, als vorangegangene Taten es waren, aber „unweigerlich macht sich der so großzügig Verzeihende auch zum Richter“, schlussfolgert die Autorin. „Wenn ich schon auf Rache verzichte, dir deine Schuld erlasse, zeige dich wenigstens erkenntlich. Beweise Demut! Ein schlechtes Gewissen! Und schon sind wir zurück am Anfang, bei der schmerzlichen Frage, ob bedingungsloses Verzeihen tatsächlich möglich ist.

„Es ist nie wieder gut!“ Drastisch formuliert: Die Mutter, deren Tochter ermordet wurde, sagt: „’Ich habe verziehen’ ist für mich eine unzulässige Ausdrucksweise. Es ist ja nie wieder gut.“ Das Christentum hat für dieses Dilemma das Ritual der Beichte erfunden, aber wir Menschen sind keine Priester im Beichtstuhl. Flaßpöhler bestätigt: „Im wahren Leben bleibt die Schuld ja bestehen, beim Verzeihen wird lediglich auf ihre Begleichung verzichtet.“ Wir sagen uns gerne, „Fehler machen wir alle“, bloß gäbe es, streng genommen, auch nichts verzeihen, wenn es so alltäglich sein darf, Schuld auf sich zu laden. Wir verzeihen uns aber am laufenden Band, denn wir sind keine „Täter“ sondern Opfer unserer Biologie oder der Gesellschaft, oder …Fortschrittlich wie wir sind, fragen wir nach, warum ein Mensch zu dem oder jenem fähig war, welche Rolle die Eltern spielten, das Milieu? Flaßpöhler: „Die Verantwortung liegt immer woanders, nie bei den Akteuren“. Eine böse Falle! Sie entbindet uns leider nicht von der Aufgabe, Verantwortung zu tragen.

Gnade vor Recht ergehen lassen? Vielleicht sollten wir daher alle unser Glück in einer „Politik der Vermeidung“ suchen. Lassen wir es gar nicht so weit kommen, dass wir so viel büßen bzw. vergeben müssen! Machen wir von unserer Entscheidungsfreiheit Gebrauch, das Richtige oder Falsche zu tun. Seien wir aufmerksam, seien wir behutsam mit anderen. Schon das führt in hohem Maße dazu, dass wir weniger oft im Leben verletzt, gekränkt, betrogen werden … und vor der Frage stehen, ob wir vergeben können oder verzeihen müssen … Verzeihung, aber das ist nicht zu viel verlangt!

»Verzeihen sollte man schweigend. Tut man es mit Worten,
wird das Verzeihen zum Vorwurf.«
Albert Schweitzer

Definition

Was bedeutet Verzeihen?
Dem Wort nach: Verzicht auf Vergeltung.

Wer verzeiht, lässt ab, hört auf zu „zeihen“, das heißt zu benennen, eine Schuld bekannt zu machen. Er sinnt nicht auf Rache, lässt es gut sein … und handelt damit nach gängigem Rechtsverständnis im Grunde weder gerecht noch logisch. Das Gesetz lautet: Wer Schuld hat, muss zahlen. Je höher die Schuld ist, desto höher der Betrag oder die Strafe.

„Das Fatale an der moralischen Schuld ist, dass sie nicht auf dieselbe Weise abgeleistet werden kann wie rechtliche Schuld oder ökonomische Schulden“, so Svenja Flaßpöhler, mehr noch, die moralische Schuld scheint vom Schuldigen gar nicht beglichen werden zu können. Sie währt weiter, klebt an ihm – bis sie verziehen wird, aber niemals gesühnt.

 Die Expertin Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Journalistin, seit 2013 Literaturkritikerin in der Fernsehsendung Buchzeit (3sat) und Mitglied der Programmleitung des Philosophiefestivals phil.COLOGNE. Ihr Buch „Mein Wille geschehe. Sterben in Zeiten der Freitodhilfe“ (2007) wurde mit dem Arthur-Koestler-Preis ausgezeichnet. Svenja Flaßpöhler lebt mit ihrem Mann und den beiden gemeinsamen Kindern in Berlin.

Buch: Svenja Flaßpöhler, Verzeihen, DVA Verlag, März 2016, 18,50 €

 

 

Credits: © Thinkstock, Foto Svenja Flasspoehler © Johanna Ruebel