Alexander Goebel über emotionale Unterernährung. Der Schauspieler, Sänger, Autor, Moderator und Wiens allerliebster Zuwanderer aus dem Ruhrpott talkt mit Elisabeth Stadlbauer

Herr Geoebl, es ist erstaunlich und bewegend wie offen die Menschen in Ihrer Radio-Show sprechen; Ihre Shows sind ausverkauft (um Zusatztermine wird gebeten), Sie sagen selbst von sich, Sie seien im „Emotionsbusiness“, und das offenbar sehr erfolgreich, denn Emotionen greifen nur dann, wenn sie echt sind. Sie sagen in Ihrem neuen Buch „Gute Gefühle“ aber auch, dass Emotionen „Orientierung brauchen“. Werte sind Ihnen wichtig, denn ohne Werte herrsche Chaos. Wenn Sie spontan die drei für SIE wichtigsten Werte nennen müssten, die Sie in Ihrem weiteren Leben auf jeden Fall mitnehmen, welche wären das und warum?

  1. Goebel: Da ist zunächst die LOYALITÄT. Das Gefühl sich aufeinander verlassen zu können ist gerade in Zeiten von Veränderung, heute ein Dauerzustand, wirtschaftlich und privat, ungemein wichtig. Wesentlich für diesen Wert ist aber auch die kritische Hinterfragung, ohne die jegliche Loyalität zu unreflektiertem Gehorsam mutiert, das hilft niemandem und schon gar nicht der Sache. Dann kommt HUMOR, einer der schönsten Werte, die sich aus der Bewusstheit des Selbst ergeben. Er unterscheidet uns von der Kreatur, erleichtert uns die Selbstreflexion, und verbindet ALLE Menschen miteinander. Wer miteinander lacht tut sich schwer Kriege zu beginnen. Wert drei ist die SINNHAFTIGKEIT! Wer sie ignoriert oder unterdrückt, bestraft sich selbst oder wird bestraft. Sie steht im Zentrum unseres Seins und strahlt in alle Richtungen. Unsere Gesundheit reagiert auf das Fehlen von Sinn besonders sensibel, zwar mit großer Geduld, aber letztlich unaufhaltsam. Suche nach Sinn macht bereits Sinn. Nur zu!

Neben Emotion/Gefühl und Wert taucht besagter Sinn in Ihrer Argumentation immer wieder auf, der quasi die Klammer bildet und sogar unsere Konsumgesellschaft (neu) zu gestalten bzw. zu fördern vermag, – über den „Motor” Wirtschaft, wo „der größte Einfluss auf uns als globale Gesellschaft stattfindet“… Wie handhaben Sie das für sich? Bitte erklären Sie auch Ihren Satz „Sinn ist kein Index an der Börse des Lebens – er selbst ist die Börse“. Gibt es Beispiele für Sinn gebenden Wege, die Sie für gut befunden haben?

  1. Goebel: Es ist ein kolossaler und folgenreicher Irrtum, wenn wir glauben alle unsere Werte immer und zu Hundert Prozent leben zu können, das schaffen wir nicht, dieser illusorische Anspruch muss zu Frustrationen führen, schließlich ist der Mensch fehlerhaft und ein Work in Progress. Wie Viktor Frankl es schon so einleuchtend beschrieben hat, geht es nicht um den Sinn des Lebens sondern um den Sinn MEINES Lebens, also IHRES Lebens, verehrte Leser und Leserinnen. Das bedeutet die Beschäftigung mit sich selbst, Eigenverantwortung, und den Mut sich zu entsprechen. Nicht einfach, aber überaus ertragreich, in jeglichen Bereichen unseres Lebens.

 

Wie begegnen Sie dem von Ihnen im Buch angesprochenen TMI-Phänomen, dem „Too much Information“-Phänomen. Wo und wie finden Sie Ihre Ruheinseln? Und: Wie geht „Let’s have some fun“?

  1. Goebel: Meine Reaktion auf TMI ist Ausblenden, ich lasse gewisse Reize nicht mehr zu, egal wie verführerisch sie auch emotional sein mögen. Damit meine ich vor allem diesen entmenschlichten Zustand der Häme und der Schadenfreude, der seit einiger Zeit medial geführt vorherrscht. Wer in der Öffentlichkeit steht gilt emotional als rechtlos und ist zum Abschuss freigegeben. Daher: Verweigern wir die Häme! Nicht lesen, nicht schauen, nicht zuhören. Damit stärken wir unser seelisches Immunsystem und halten gleichzeitig emotionale und kognitive Ressourcen frei für die Aufnahme wirklich wichtiger Daten und Impulse.

Ich habe jeden Tag ein wenig „Fun“, mein täglicher 10 Min.-Urlaub. Einmal tanze ich zu Barry White durch’s ganze Haus, ein anderes Mal rufe ich einen Freund oder Freundin an und wir führ’n Schmäh (etwas das ich in diesem Land gelernt habe – ewig dankbar…) Manchmal müssen wir uns mutwillig daran erinnern, dass das was wir tun, Spaß machen soll. Als Entertainer weiß ich wovon ich hier schreibe.

 

„Burn out ist die Geschichte der Ja-Sager”. Bitte um erklärende Worte! Passend dazu vielleicht diese Frage: Wie können wir die „Kultur des Scheiterns” sinnvoll etablieren?

  1. Goebel: Zunächst: Es gibt keine Work-Life-Balance, wir führen ein einziges, allumfassendes Leben, und unsere Arbeit ist ein Teil davon. Daher ist Burn Out eine Lebenskrise und keine Arbeitskrise. Viele von uns haben sehr früh gelernt, dass wir unsere Liebes-Defizite, oft die Konsequenz aus frühkindlichen Erfahrungen oder Traumata, kurzfristig vermindern können indem wir zu allem Ja sagen, auch wenn es uns gar nicht gut tut. Nein zu sagen erzeugt aber Respekt, beweist Haltung und versorgt uns mit guten Selbstwertgefühlen. Solche Mitarbeiter sind wertvoll, denn wer loyal zu sich selbst steht, ist auch dem Unternehmen gegenüber loyal. Führungskräfte sind aufgerufen die emotionalen Mechanismen von Burn Out zu erkennen und zu bekämpfen, um so Mitarbeiter, Unternehmen, und die eigene Karriere zu stärken. Sich bequem an solchen Menschen zu bedienen bis jemand nicht mehr liefern kann ist unethisch, wirtschaftlich dumm und fällt am Ende immer auf die Führungskraft zurück. Think about it!

Auch diese Frage muss sein: Hat Alexander Goebel spezielle Wellness-Rituale, die er uns verraten möchte? Wellness im weitesten Sinne als Lebenstil wohlgemerkt und nicht als „Spa- & Fitness-Leitfaden“. Also auch ein gutes Bier trinken mit Freunden könnte dazu gehören … bzw., um in unserem Thema zu bleiben, alles, was gute Gefühle fördert und festigt!

  1. Goebel: Oh ja, ich habe Wellness bei meinem Freund Karl Reiter in Bad Tatzmannsdorf im Burgenland kennengelernt. Damit meine ich weniger die beeindruckende Anlage, die kulinarische Qualität, oder den Service, sondern viel mehr die Reiter’sche Philosophie dahinter. Die Vereinbarkeit von Ethik und Wirtschaftlichkeit, von Emotion und Zahlen, und das persönliche Engagement, das sich ergibt, wenn jemand das tut was er gern tut und dabei auf sich aufpasst. Wellness ist Kommunikation, Beziehungspflege, intellektuelle Herausforderung und Humor. Österreich ist ein perfektes Wellness-Land. Allerdings: Nackte Menschen sind nicht so mein Ding. Ich vermisse oftmals einen gewissen ästhetischen Respekt gegenüber der Umwelt. Klar kann man nackt aus der Sauna kommen, aber Mann muss dann nicht unbedingt eine Gockel-Runde durch die ganze Anlage machen…

Lieber Herr Goebl, fühlen Sie sich noch sehr „deutsch“? Oder sind Sie als Wahlwiener schon „hoffnungslos“ von dieser Stadt „infiziert“?

Ich war nie bereit, noch habe ich je eine Notwendigkeit gesehen, meine Identität aufzugeben oder anzupassen, weder sprachlich noch philosophisch. Ich spreche hochdeutsch und beherrsche Wienerisch, ich führe sowohl privat als auch auf der Bühne ein bilinguales Leben und kann nur Jedem dazu raten. Keine ÖsterreicherIn in Deutschland würde jemals auf die Idee kommen zu „piefkenisieren“, nur um besser angenommen zu werden. Wird auch gar nicht erwartet. Ich verdanke Österreich und der Stadt Wien ungeheuer viel und versuche durch die Qualität meiner Arbeit, auf welchem Gebiet auch immer, diese Liebe zurückzugeben.

Sehen Sie sich rein theoretisch auch in anderen Berufen? Welche wären das?

Nein, echt nicht. Als Arbeiterkind aus dem Ruhrgebiet steht mir zwar der Fußball sehr, sehr nahe, aber ich musste früh einsehen, dass ich mehr Leidenschaft als Talent habe. Doch ich sehe meinen Beruf noch in sehr vielen anderen Gebieten unseres gesellschaftlichen Lebens höchst profitabel einsetzbar, ergo das Buch. Ein Traum wäre freilich Borussia Dortmund emotional zu beraten und zu begleiten. Das würde ich sogar gratis machen…

  1. Stadlbauer: Wir werden ein gutes Wort für Sie einlegen und danken für das Gespräch

Das Buch erschien im Goldegg Verlag – auch in unserem Shop bequem zu beziehen !!Alexander-Goebe-fg

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