27. April 2017, Hallig Oland. Kapitän Uwe Petersen steuert sein Ausflugsschiff „Rungholt“ durch das enge Fahrwasser an den kleinen Anleger dieses weltverlorenen Eilandes … 
Es ist auflaufendes Wasser, Flut also – und sie hört nicht auf. Die Wetterverhältnisse an diesem Nachmittag sind völlig normal; Wind und Wetter auch in den vergangenen Tagen ohne Auffälligkeiten. Doch das Wasser steigt weiter und es hört nicht auf. Nicht eine Hand breit unterhalb der Mole und nicht, als es schon längst darüber schwappt. Leise kommt die Flut, ganz leise und unauffällig. Läuft in kurzen, harten Wellen über die Kante des Anlegers. Ganz leise und so, als wäre nichts. Staffel um Staffel, Zentimeter um Zentimeter – und dann hat der Spuk ein Ende, die Nordsee steht still. So, als wäre nichts. Nur Tang und Treibgut liegen wie ein vergessener Spülsaum, der dort nicht hingehört – auf dem Anleger.

Hatten Sie hier letztens Sturmflut? „Nö!“, sagt Käpt´n Petersen, „…wir haben Springflut.“ Dann kommt die Nordsee höher hinaus; ohne Sturm und ohne schlechtes Wetter. „Dieses Phänomen kennen wir hier an der ganzen Nordseeküste, haben es zwei Mal im Monat“, erklärt Petersen und überwacht das Festmachen des Schiffes (www.halligmeerfahrten.de) am sacht überspülten Anleger, „und zwar jeweils nach Vollmond und Neumond. Dann stehen Sonne und Mond in einer solchen Konstellation zur Erde, dass sie den Flutberg besonders hoch anziehen, das Wasser läuft dann höher als Normal auf – auch ohne Sturm.“ Der Unterscheid zum normalen Hochwasser ist so gravierend eigentlich nicht, aber mit etwas auflandigem Wind und – vor allem – in trichterförmig zulaufenden Buchten ist eine Springflut deutlich zu merken. Es ist eine überraschende, bisweilen gespenstische Szene, an schönen, stillen Sommertagen Seegras und Holz hoch über der Hafenkante zu finden oder der Nordsee zuzusehen, wie sie unaufhaltsam über die Kante leckt und über die Hafenflächen läuft. „Völlig ungefährlich“, sagt Kapitän Petersen noch. Und an solchen Tagen gibt es noch ein Phänomen – Springniedrigwasser; denn die Nordsee läuft an solchen Tagen auch besonders tief ab und offenbart manches Geheimnis, das sonst verborgen bliebe.

Magisch kann das Meer leuchten; mystisch und mysteriös. So, als hätten göttliche Mächte ihre Finger im Spiel – so unglaublich, so schön. Wenn die Nordsee in geisterhafter Stille blinkt und leuchtet. Lassen wir diese Faszination ein wenig wirken und gehen weiter in nächtlicher Ruhe, an einem Strand auf Sylt oder anderswo, und hören den müden Wellen zu, wie sie sich sanft auf den Sand legen. In samtig-sommerlich warmer Nacht. Oben blinken die Sterne und unten blinkt es auch.

Meeresleuchten … Dunkel, warm, stilles Meer – man merkt, gleich kommt Biologie ins Spiel: „Dieses Schauspiel ist aber trotz vorhersehbarer Faktoren wie Temperatur und Nährstoffgehalt des Meeres, seiner Wind- und Strömungsverhältnisse schwer vorherzusehen – es muss Einiges zusammenpassen, damit das Meeresleuchten auftritt“, erklärt Matthias Strasser, Leiter des Naturgewaltenzentrums in List auf Sylt. Ein paar Tipps, dieses einzigartige Naturphänomen an der Nordsee zu beobachten haben die Leute vom Naturgewaltenzentrum (www.naturgewalten-sylt.de) allerdings schon: „Es sollte windstill sein, meist wird das Meeresleuchten zwischen Mai und Oktober beobachtet. Und wenn das Meer dann auch noch nachts ruhig ist, stehen die Chancen am besten – denn sonst entladen die kleinen Leuchttierchen ihre ganze Energie schon in den Wellen.“ Kleine Tierchen also; hat sich was mit Magie und göttlicher Energie. Das Licht im Meer stammt aus dem Stoffwechsel von winzig kleinen Einzellern, diese Meeresbewohner ernähren sich von Plankton und vermehren sich bei genügend Wärme und ausreichend Nahrung – günstige Strömungen treiben sie an manchen Orten zusammen. Das, was so mysteriös leuchtet, ist also nicht die Nordsee selbst. „Und wenn diese kleinen Tierchen mechanisch gereizt werden – sei es durch Wellenschlag oder durch Berührung mit der Hand -, beginnen sie zu leuchten“, erklärt Matthias Strasser. Wenn Meeresleuchten auftritt, kann man mal mit der Hand sachte über den nassen Sand am Spülsaum streichen – hat man Glück, kann es dort blinken und glitzern. Auch ein Fußabdruck kann in dunkler Nacht am Sommerstrand sanft leuchten und in fahlem, geisterhaften Licht nachschimmern. Und will man es fassen, ist es weg – schön und wundersam wie ein Traum.
Luftspiegelungen. Manchmal kann man an der Nordseeküste etwas sehen, dass man gar nicht sehen kann: Eine Illusion, ein Fata Morgana, ein ganz reales Hirngespinst. Helgoland etwa von der Küste bei St. Peter-Ording aus – mit blitzendem Leuchtturm, Funkmast, mit abendlich illuminierter, unverkennbarer Kontur. Helgoland aber liegt hinter dem Horizont und ist für den Betrachter nicht sichtbar. Ein spukhaftes Phänomen, auch deshalb, weil es in den Abendstunden über dem Meer auftaucht. Dieses Ereignis ist extrem selten: „Insbesondere wenn an ruhigen Frühlings- oder Frühsommertagen auf dem Meer warme über kalter Luft geschichtet ist, können Lichtstrahlen gebrochen und um die Erdkrümmung herumgeführt werden“, erklärt Rainer Schulz von der Schutzstation Wattenmeer, der das auch schon fotografiert hat, „Schiffe oder Inseln, die unter dem Horizont liegen, werden dann quasi angehoben und erscheinen sichtbar“, erklärt Schulz, der weitere faszinierende Fotos solcher Fata Morganas aufgenommen hat (www.schutzstation-wattenmeer.de/wissen/wattenmeer/landschaft/fata-morgana). Helgoland beispielswiese liegt mit mehr als fünfzig Kilometern Entfernung außerhalb des Sichtfeldes, wird aber ein, zwei Mal pro Jahr zum Beispiel von St. Peter-Ording aus sichtbar. Manchmal steht die Insel sogar auf dem Kopf. Viel häufiger überraschen Luftspiegelungen: Am größten ist die Wahrscheinlichkeit, schwebende Inseln oder fliegende Schiffe zu sehen, auf den großen, langen Wattwanderungen. „Luftspiegelungen entstehen durch Ablenkung des Lichtes an unterschiedlich warmen Luftschichten“, erklärt Rainer Schulz. „Lichtstrahlen, die eine kalte Luftschicht durchqueren, stoßen auf die warme Schicht und werden dort reflektiert.“ Damit dieses Phänomen passiert, muss es windstill sein, sodass die Luftmassen stabil übereinander gelagert sind – nur dann kann es die für die Spiegelung notwendige Grenzschicht geben. Diese Spiegelungen sind in der Regel in Bodennähe, beziehungsweise über dem Meer, zu sehen und über dunklen Flächen. Wer da draußen unterwegs ist, bewegt sich ohnehin in einer phantastischen Zwischenwelt, aber wenn die Luft zu flirren beginnt, kann Hitze Halluzinationen auslösen: Die Warften mit den Häusern der Halligen schwebten, dann eine Insel mit Dünen und Leuchtturm als seltsam flirrendes und verzerrtes Bild im Nirgendwo. Und über Sandbänke fahren Schiffe gleich einem irren Traum.
Seenebel. Es war nur eine Sache von wenigen Minuten: Am frühen Morgen liegt die Nordseeküste in herrlichem Sonnenschein, die Wattwanderung sollte keine Stunde später losgehen, Wind ging kaum. Plötzlich verdunkelte sich der Himmel, es wurde merklich kühler; düsterer und kälter im Minutentakt – aus dem strahlenden Sommermorgen wurde binnen einer Viertelstunde eine dicke Nebelsuppe, die Sichtweite: ein paar Meter nur. Die Leute standen noch hinterm Deich und die von weiter weg staunten ob diesem Phänomen. Nebel kennt man; aber so schnell, so dicht, und so aus dem scheinbaren Nichts heraus…? „Das ist Seenebel“, erklärt Nationalpark-Wattführer Johann-Peter „Jan“ Franzen (www.reiseservice-franzen.de) aus Dithmarschen, „…er kann hier an der Küste plötzlich und wie aus dem Nichts auftreten. Seenebel bildet sich, wenn zum Beispiel warme Luft von Land kommend über kaltes Wasser streicht. Die in der wärmeren Luft unsichtbar gespeicherte Feuchtigkeit kondensiert beinahe schlagartig zu Nebel. Je größer die Temperaturunterscheide zwischen der Luft über dem Meer und dem Land sind, desto dicker wird die Suppe.“ Erfahrene Wattführer können solche Witterungskapriolen in der Regel abschätzen, unbedarfte Spaziergänger wohl kaum. Wer sich bei plötzlich auftretendem Seenebel auch nur hundert Meter vom Strand aufhält, gerät schnell in Orientierungslosigkeit. So beeindruckend dieser spukhafte Nebel auch ist, er kann während einer Wattwanderung heimtückisch sein – ohne Kompass und Kenntnis der Örtlichkeiten ist der Wattwanderer schnell in Lebensgefahr. Deshalb hat Jan Franzen nicht nur Karte, Kompass und GPS-Gerät dabei, sondern meldet die Gruppe bei großen Touren bei den Seenotrettern ab und via Sprechfunk sowie Mobiltelefon ist er über das laufende Geschehen informiert. Und: Im Rucksack hat Wattführer Franzen ein langes Seil – daran muss sich im Notfall jeder halten. Seenebel taugt – wer ihn je erlebt hat, wird es wissen – gut zu Schauermärchen, verloren gehen muss aber niemand. Und man kann diese unwirkliche Atmosphäre sogar genießen. Und der Spuk von heute Morgen? War so schnell verschwunden, wie er gekommen ist. Die Gänsehaut aber die blieb, nicht nur wegen der Kühle.
Wattknistern. Still liegt der weite Raum vor den Wanderern. Kilometer um Kilometer fallen die Flächen trocken – das UNESCO Weltnaturerbe Wattenmeer ist einzigartig. Ein Ort schierer Unendlichkeit, ein Ort nur vermeintlicher unermesslicher Leere. Stunde um Stunde können die Schritte in den Sand und in den Schlick schlagen und der Wanderer sieht auf seinen einsamen Touren nicht viel mehr als eben dies. Eine Entschleunigung, die auch die Sinne schärft. Wo das Auge kaum Halt findet und keinen Trost, hören die Ohren umso genauer hin. Das Wasser ist gerade vom Schlick abgelaufen – und knistert da nicht ganz leise etwas? Eine Einbildung denkt man, was soll schon knistern hier draußen. Wer aber genauer hinschaut (und den Wattführern gut zuhört), wird sehr bald gewahr, dass hier draußen sehr wohl etwas lebt. Und atmet; nicht nur Wasser im Rhythmus von Ebbe und Flut. Ganz klein ist das, was hier haust, und ganz leise ist es deshalb auch. Doch, wer ganz genau hinhört, wird es an warmen und windstillen Tagen leise und verhalten knistern hören. „Wattknistern entsteht, wenn auf dem Wattboden kleine Luftbläschen zerplatzen“, erklärt Michael Klisch, Leiter der Schutzstation Wattenmeer auf Hallig Hooge (www.schutzstation-wattenmeer.de/unsere-stationen/hooge) Er führt Gäste auch hinüber zur Hallig Norderoog und kennt die kuriosen Dinge im Watt. Michael Klisch gräbt eine Forke voll Wattboden aus, „…hier drin und hier drauf leben hunderttausende Kleinstlebewesen“, erklärt er, „zum Beispiel Herzmuscheln und Schlickkrebse – und die müssen atmen.“ Treten Atem-Bläschen millionenfach an die Oberfläche, mag man mit Glück ein zartes Knistern hören. Dann gibt es noch eine Theorie, die besagt, dass die winzig kleinen Schlickkrebse mit ihren Fühlern aneinander reiben und so ein Geräusch erzeugen. Was auch immer, wie auch immer – ein paar Geheimnisse sollen bleiben in dieser Märchenwelt. Die manchmal recht mysteriös ist, märchenhaft und phänomenal schön.Weitere Informationen

Das Erlebniszentrum Naturgewalten Sylt informiert in einer interaktiven Ausstellung über Naturphänomene, Wetterereignisse und die Kräfte der Nordsee, die das Leben an der Küste prägen. Naturkundliche Veranstaltungen, Führungen und Vorträge ergänzen das Angebot.
www.naturgewalten-sylt.de