Spa im Zentrum des Wohnens

Die Stuttgarter interbad zeigt aktuelle Trends – Rückzugsorte in der modernen Arbeitswelt – Wohnen im Bad
Wohnen im Wandel: Nach der Küche rücken nun Bad, Sauna und Spa immer stärker in den Mittelpunkt des Privatlebens. Trennwände fallen, Übergänge verschwimmen. Manch einer – wie der Berliner Architekt Arno Brandlhuber – wirft das klassische Wohnzimmer gar vollständig über Bord und richtet stattdessen einen multifunktionalen Wohn-Wellness-Bereich ein. Beim Gang über die Stuttgarter interbad (27. bis 30. September) lässt sich dieser Trend überdeutlich ablesen: Beheizte Natursteinfliesen, kuschelige Sitzgelegenheiten, Hightech-Armaturen, flexible Wohnzimmer-Saunen oder die architektonische Öffnung ins Freie zeugen von einem veränderten „Bad-Bewusstsein“. Diese Entwicklung ist vielen Faktoren geschuldet – die meisten davon liegen außerhalb des Bades.
Freizeit und Arbeit. Das Phänomen an sich sei keineswegs neu, meint Prof. Dr. Christine Hannemann, Architektur- und Wohnsoziologin an der Universität Stuttgart. „Die Badewanne im Schlafzimmer ist ein altes Wohnkonzept aus den siebziger Jahren. Ein wichtiges Stichwort ist heute der Wegfall von fünfzig Prozent der Arbeitsplätze durch Industrie 4.0 – und dadurch die Aufhebung der klassischen Trennung von Arbeit und Freizeit.“ Der Freizeitbegriff verschwinde zunehmend aus dem allgemeinen Sprachgebrauch, was auch Zeitbudget-Analysen zeigten. Durch den wachsenden Arbeitsdruck sei der Mensch daher immer stärker darauf angewiesen, seine Erholungsphasen selbst zu planen. Die Neudefinition des Wohnbereichs als potenzielle Arbeitssphäre und die ständige Erreichbarkeit im „Home-Office“ machen das Badezimmer zum gesellschaftlich akzeptierten Rückzugsort. Dort richtet man es sich gern behaglich ein – mit anderen Worten: wohnlich.
Selbstvermarktung im Beruf. Im Zeitalter von Xing und Linkedin gewinnt das Bad auch für das Berufsleben an Bedeutung: Ein gepflegtes Äußeres gilt als wichtiger denn je. „Die neue Arbeitsmarktrealität stellt wachsende Anforderungen an den Menschen, der sich heute ständig selbst vermarkten und verkaufen muss“, erklärt Hannemann. „Denken Sie beispielsweise an die Kosmetikindustrie: Heute gibt es auch für Männer eine breite Palette an Pflegeprodukten. Die Zeit, die im Bad verbracht wird, ist deshalb stark angewachsen.“
Kulturalisierung der Hygiene. Unser Hygieneverhalten ändert sich laufend. So war das wöchentliche Wannenbad lange Zeit ein festes Reinigungsritual, welches erst in den letzten Jahrzehnten von der täglichen Dusche abgelöst wurde. Ursache ist neben der immer knapperen Zeit auch ein wachsendes Bedürfnis nach Körperhygiene. Inzwischen gibt es Wellness-Duschen, Dampfduschen, Regenduschen oder Sparduschen. Christine Hannemann sieht darin einen „Kulturalisierungsprozess der Körperpflege“, vergleichbar mit dem Wandel der Tischsitten. „Irgendwann wurde begonnen, mit Messer und Gabel zu essen. Fischmesser, Vorlegebesteck und so weiter kamen Schritt für Schritt dazu.“
Technisierung. Die Entwicklung der neuen Hygienekultur wird aber auch von der zunehmenden Technisierung und Digitalisierung des privaten Bereichs vorangetrieben. Hier entfalte sich „eine ganz eigene Dynamik“, sagt Hannemann. „Im Internet der Dinge etwa erfolgt die Steuerung des Hauses per App und Mobiltelefon. Technikaffinität hat gerade hier in Baden-Württemberg eine lange Tradition. Neben der Küche ist das Bad der Teil der Wohnung, der besonders stark technisiert ist.“
Das Bad als Lifestyle-Ort. Ein insgesamt sehr wichtiges Stichwort ist schließlich der Lebensstil, der sich in Wohngestaltung, Kleidung oder Freizeitverhalten äußert. Durch diesen, so Hannemann, definiere man seine Zugehörigkeit „zu bestimmten kulturgeprägten Milieus“ – also zu Gruppen, innerhalb derer Wertorientierungen und zentrale Konsummuster ähnlich sind. Wieder einmal geht es um Selbstdarstellung. Die Neuinszenierung des Bades und des privaten Spa-Bereichs wirkt dabei gleichermaßen nach außen und nach innen, wo sie die Selbstwahrnehmung und damit letztlich auch das Selbstwertgefühl beeinflusst. Man gönnt sich etwas.
Foto: Villeroy & Boch

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